Inverse Divide-And-Conquer oder Think-Pair-Share

Jetzt da die Vorlesungen vorbei sind, finde ich auch endlich mal die Zeit ein wenig über meine Erfahrungen zu berichten.

Insbesondere möchte ich eine Vorlesung ansprechen, bei der ich versucht habe die Interaktion der Studenten wirklich zu forcieren und möglichst weit weg zu kommen von der üblichen Frontalvorlesung.

Das Ganze lief folgendermaßen ab (das Thema der Vorlesung ist ja egal und würde nur ablenken):

  1. Am Anfang der Stunde habe ich den Studenten erklärt, worum es gehen soll in dieser Vorlesung und wie der generelle Ablauf sein wird.
  2. Dann wurden verschiedene wissenschaftliche Artikel, welche ich vorher ausgedruckt hatte, an die Studenten verteilt, welche alle einen Teilaspekt des Oberthemas behandelten.
  3. Zunächst sollte jeder Student 20 Minuten seinen Artikel lesen und versuchen ihn zu begreifen.
  4. Dann haben sich alle Studenten mit dem gleichen Artikel zusammengesetzt und diesen 20 Minuten diskutiert und Unklarheiten beseitigt, zumindest so der Plan.
  5. Danach haben wir die Gruppen gemischt und die Studenten haben sich in Gruppen zusammengefunden, so dass für jeden Artikel mindestens ein Vertreter vorhanden ist. Auch hier wurden wieder 20 Minuten Zeit gegeben.
  6. Zu allerletzt wurde ein erweiterter Fishbowl veranstaltet, bzw. ich würde es lieber Talkrunde nennen. Für jedes Thema gab es zwei zu besetzende Stühle und ich selbst kam als Moderator hinzu. Für jedes Thema wurde ein Vertreter als Experte in die Runde eingeladen. Der offene Stuhl war für die Leute, die spontan mitdiskutieren wollten. 20 Minuten wurde nun in geselliger Runde nochmal das Wichtigste aus den Arbeiten festgehalten und weiterführende Themen diskutiert.

Soweit so gut. Hier jetzt meine Erfahrungen:

  1. Prinzipiell haben die Studenten die neue Struktur sehr positiv aufgenommen. Kein einziger hat nicht mitgearbeitet oder gestört! Auch gab es positives Feedback, dass sie der Meinung waren mehr verstanden zu haben.  Allerdings konnte ich das nicht wirklich validieren, ausserdem haben wir 90 Minuten mit einem Thema verbracht, welches normalerweise nur 30 Minuten in der Vorlesung beanspruchen sollte. D.h. es geht eindeutig langsamer vorwärts.
  2. Das eigene Lesen kostet zuviel Zeit. In 20 Minuten darf man den Studenten eigentlich nicht mehr als 3 bis maximal 4 Seiten Text zumuten. Hinzu kommt, dass der Text kaum mathematisch war, d.h. bei schwierigeren Texten dürften es sogar noch weniger Seiten sein. Von daher wäre mein Vorschlag, dass man den Studenten den Text vorab zu lesen gibt. Man muss nur aufpassen, dass sich für jedes Thema auch ungefähr gleich viele melden.
  3. Bei der Diskussion ist mir aufgefallen, dass teilweise fehlerhafte Informationen weitergegeben wurden. Da man als Dozent nicht überall zugleich sein kann, ist es schwierig dafür zu sorgen, dass die Studenten sich auch wirklich das Richtige beibringen.
  4. Die 20 Minuten für die Talkrunde waren viel zu kurz. Man konnte kaum eine Frage zu jedem Thema stellen. Ausserdem fiel auf, dass die Studenten ungern aufstehen, um bspw. mit in die Runde zu kommen. Gelegentlich gab es einen Kommentar aus der Menge, aber in die vordere Runde hat sich keiner getraut.

Insgesamt kann ich folgendes Fazit ziehen:

  • Die Studenten sind sehr dankbar für alles, was die übliche Frontalvorlesung aufbricht. Und ich denke, wenn mehr Dozenten solche Aktionen starten würden, dann würden die Studenten auch mutiger werden und mit Spaß bei der Sache dabei sein.
  • Die Texte müssen unbedingt als Hausaufgabe schon vorab gelesen werden! Gerade wenn die Themen komplexer werden, wird unterschiedlich viel Zeit benötigt und wenn man es nicht schafft den Text in der gegebenen Zeit zu lesen, dann erzeugt das eine Frustration.
  • Man schafft eindeutig weniger Stoff als in einer Frontalvorlesung, allerdings gilt auch hier natürlich, wenn man die Texte vorab austeilt, geht es vielleicht besser
  • Viele Studierende waren froh, dass ich die Themen in der nächsten Stunde noch einmal zusammengefasst hatte. Eigentlich war meine Hoffnung ja gewesen das in der Talkrunde zu tun, aber da war die Zeit einfach viel zu knapp.
  • Im großen und ganzen war ich etwas enttäuscht, aber vielleicht sehe ich das auch zu perfektionistisch. Ich werde es beim nächsten Mal auf jeden Fall noch einmal versuchen, dann aber mit vorab ausgeteilten Texten.

Ich freue mich auf eure Kommentare.

2 Kommentar auf “Inverse Divide-And-Conquer oder Think-Pair-Share
  1. Oliver Tacke sagt:

    Hallo, Martin!

    Finde es klasse, dass du so viel ausprobierst und auch noch darüber berichtest!

    Vielleicht bringen dir meine Gedanken etwas:

    1) Wie „validierst“ du in einer „normalen“ Veranstaltung, was deine Studierenden verstanden haben?

    Wie schätzt du das Verhältnis von „Stoffmenge“ zu „Verarbeitungstiefe“ ein und was ist dir (an diesem) Termin wichtig?

    2) Die Texte könntest du in der Tat vorher verteilen. Wichtig ist dann aber, nicht bloß zu sagen, lest bis zum nächsten Termin Seite x-y. Du könntest zum Beispiel den Nutzen aufzeigen. Hilfreich ist es zu sagen, auf welche Aspekte besonders geachtet werden soll. Du kannst auch kurze Aufgaben mitgeben, die dazu bearbeitet werden sollen – und wenn es bloß das Notieren von wichtigen Stichworten ist. All das bietet eine unterstützende Struktur.
    Ebenso wichtig ist es klar zu machen, dass das Lesen des Textes notwendig ist für sich selbst UND die KommilitonInnen, um mitarbeiten zu können. Und du darfst nichts wiederholen. Wenn du dann in der Veranstaltung Raum zum Lesen gibst, hast du verloren. Hast du dir dazu schon mal das Video zum Workshop mit Christian Spannagel angesehen?

    3) Ja, das ist definitiv ein Problem des Ansatzes.

    4) Gerade mit Blick auf 3) ist die Sicherungsphase wichtig und braucht Zeit. Stimme deiner Schlussfolgerung zu.

  2. Jasmin Piep sagt:

    Hallo Martin, was du da ausprobiert hast, hört sich toll an! Aus deinem Fazit lese ich, dass es für die Studierenden eine Abwechslung war, Spaß gemacht hat und sie viel mitnehmen konnten und einiges mehr verstanden haben. Ich finde es auch super, dass du die Methode noch einmal versuchen möchtest – ich denke, nicht nur für dich ist das neu, sondern ja auch für die Studierenden. Die Idee, die Texte vorher lesen zu lassen, halte ich für sinnvoll. Die Studierenden haben so die Möglichkeit sich vorab mit dem Thema zu beschäftigen und Dinge, die sie nicht verstanden haben, in der Vorlesung konkreter zu vertiefen und zusammen aufzuarbeiten. Eventuell ist es für dich hilfreich, die Studierenden im Vorfeld zu einer bestimmten Fragestellung lesen zu lassen oder am Ende Verständnisfragen an den Text anzuschließen… Da kommen dir bestimmt noch weitere Ideen. Ich bin gespannt, was du zum nächsten Mal berichten kannst! LG

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