Organisationskultur

Im Mittelpunkt forschungsbezogener Veröffentlichungen stehen in der Regel objektive Ergebnisse. Das Veröffentlichen subjektiver Lehrerfahrungen und Meinungen oder „unfertiger“ Texte mit offenen Gedankengängen entspricht nicht den gewohnten Publikationsstandards im Wissenschaftsbetrieb. Zusätzlich begünstigt das Medium Lehrportfolio das kritische Reflektieren persönlicher, sozialer und institutioneller Aspekte, was ebenfalls üblicherweise nicht (oder zumindest nicht schriftlich) kommuniziert wird. Es scheint somit kaum vorhersehbar, wie die Hochschulöffentlichkeit auf subjektive, „unfertige“ und (selbst)kritische Lehrportfolios reagiert. Verunsicherung und die Angst vor negativen Konsequenzen können die Folge sein. Letzteres betrifft auch die Arbeit am eigenen Lehrportfolio generell: Mitunter wird befürchtet, dass insbesondere Vorgesetzte die intensive, u. U. zeitaufwendige Auseinandersetzung mit der Lehre eher kritisieren statt honorieren.

Das sagen unsere NutzerInnen

„[…] es kann ja auch ein bisschen kritiklastig sein, dass man selber vielleicht in diesem E-Portfolio so kritisiert, was einen zum Beispiel auch an der eigenen Lehre stört oder was einen ja vielleicht an den Studenten stört, was einen an diesen ganzen Umständen stört an der Uni…an den Gegebenheiten. Zum Beispiel, sei es auch nur die Zeit der Vorbereitung der Lehre oder so. Überhaupt den Stellenwert, den die Lehre einer Uni haben sollte, vielleicht aber auch hat. […] Ja, da könnte halt dann auch dadurch Kritik auf die Uni zurückfallen. Also dass halt dann zu viel in die Öffentlichkeit eben gelangt, was vielleicht schlecht läuft an der Uni.“

NutzerIn: „Und das wirft ja auch ein schlechtes Bild auch auf die Universität. Also muss man schon ja eigentlich bewusst vorher auswählen, was ich da hinein schreibe. Und das, wenn ich die Universität sozusagen nicht diskreditieren will, also positiv schreiben. Das heißt, man darf solche kritischen, also kritisch-negativen Reflexionen ja gar nicht fördern oder umschreiben.“
InterviewerIn: „Wenn ich der Uni nicht schaden möchte.“
NutzerIn: „Ja. Oder mir selbst auch nicht schaden will.“

Unsere bisherigen Lösungsansätze
Auf die genannten Verunsicherungen und Befürchtungen reagieren wir, indem wir …

  • den Lehrenden ausdrücklich empfehlen, im Zweifelsfall zunächst nur als unkritisch empfundene Inhalte zu veröffentlichen, und mit ihnen über mögliche (positive wie negative) Effekte sprechen (s. Öffentlichkeit).
  • die Lehrenden dafür sensibilisieren, dass auch eine (selbst)reflexive Haltung als Qualitätsmerkmal verstanden werden kann.
  • den Lehrenden verdeutlichen, dass sie den (selbst)kritischen und interdisziplinären Austausch, der z. B. in Workshops generell als äußerst positiv empfunden wird, im E-Portfoliosystem verstetigen und intensivieren können.
  • mit den Lehrenden über ihre Vorbildfunktion sprechen und die in puncto Fehlerkultur oft widersprüchliche Erwartungshaltung thematisieren: Lehrende bitten ihre Studierenden, sich frei und ohne Angst vor Fehlern zu äußern, stellen an sich selbst aber den Anspruch, fehlerfrei zu agieren.
  • darauf hinweisen, dass sich jede/r entscheiden kann, ob sie/er sich auf die „Zwänge des Systems“ zurückzieht – oder versucht, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen, um ein Umdenken einzuleiten.

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