Schillerstraße in action!

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich zum ersten Mal einen Workshop zur Gesprächsführung mitgeleitet. Dabei ist mir das folgende Problem aufgefallen: Übungssituationen wirken mitunter künstlich, aber es gibt die Möglichkeit, von anderen Feedback zu erhalten. In der Praxis hat man später ein echtes Szenario und kann Dinge ausprobieren, kann aber eigentlich kein Feedback erhalten. Ich habe mich also gefragt, geht nicht vielleicht auch beides? Lassen sich echte Situation und Chance auf Rückmeldungen kombinieren und gleichzeitig noch zusammen mit anderen etwas lernen? Herausgekommen ist die Idee zur Methode, die ich Schillerstraße getauft habe. [Ergänzung am 19.02.2014: Mir kam beim Nachdenken dazu der Blogbeitrag Leidensdruck als Erkenntnismotor‚ von Jean-Pol Martin in den Sinn.]

Schillerstraße

Schillerstraße

Schillerstraße in a nutshell

TeilnehmerInnen erhalten einen oder mehrere Geheimaufträge, die sie in einem bestimmten Zeitraum erfüllen sollen, ohne dabei entdeckt zu werden. Nachdem die Zeit abgelaufen ist, offenbaren alle ihre Missionen und lassen sich nach Möglichkeit von anderen bestätigen, dass sie den Auftrag wirklich ausgeführt haben. Speziell für Lehrsituationen bieten sich an dieser Stelle weiterführende Diskussionen an.

Schillerstraße in action

Diese und vergangene Woche hatte ich nun erstmals die Gelegenheit, Workshops zur Gesprächsführung selbst zu gestalten. Da habe ich es mir es nicht nehmen lassen, mit der Schillerstraße zu experimentieren.

Der Workshop ist für zwei Tage ausgelegt. Er ist der dritte in einer Reihe von vieren, die im Rahmen der Basisqualifizierung von teach4TU absolviert werden können. Teilgenommen haben in der ersten Gruppe acht Personen, in der zweiten zehn (die Gruppen waren in diesem Durchlauf etwas kleiner als die sonst bei uns üblichen 14 Personen). Dabei handelt es sich durchgängig um wissenschaftliche MitarbeiterInnen der TU Braunschweig.

Am ersten Tag haben wir verschiedene Themen behandelt und teilweise auch üben lassen, etwa Aktives Zuhören oder verschiedene Arten zu fragen. Das wussten wir vorher und hatten schon passende Aufträge für die Schillerstraße im Gepäck. Wir haben aber auch Themen aufgegriffen, die von den TeilnehmerInnen genannt wurden, und auch daraus noch ad hoc Fragen erstellt und gesammelt. Beispiel: Wir starteten den Tag mit einer Einführungsrunde im Plenum, in der die TeilnehmerInnen von ihren Lehrerfahrungen im gerade abgelaufenen Semester berichteten. Da konnten wir andocken. Alle erhielten zwei Missionen, von denen sie mindestens eine erfüllen sollten. So sollte etwas Wahlfreiheit bleiben, falls jemand mit einer Aufgabe wirklich gar nichts anfangen könnte.

Versiegelte Briefe

Versiegelte Briefe

In der ersten Gruppe haben wir die geheimen Missionen bereits am Ende des ersten Tages verteilt, damit sich alle schon Gedanken machen können. Das hat sich aber nicht als praktikabel erwiesen. Trotz Hinweisen am zweiten Tag hatte nur einer der acht TeilnehmerInnen einen Auftrag erfüllt. Das aber mit Bravour! Er sollte in Gesprächen mit öffnenden und schließenden Fragen experimentieren und beobachten, was passiert. Tatsächlich kam er zu dem Schluss, dass öffnende Fragen mehr aus den Leuten herauslocken können als geschlossene.

In der zweiten Gruppe haben wir die Schillerstraße am Morgen des zweiten Tags gestartet und zusätzlich „Straßenschilder“ aufgehängt, um immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass da ja nebenbei noch etwas zu erledigen ist. Hat in meiner Wahrnehmung prima funktioniert, und auch das Feedback war positiv. Einige äußerten zwar, Bedenken gehabt zu haben, weil sie sich komisch beim Ausführen ihrer Aufträge vorkamen [Ergänzung am 19.02.2014: Jemand, könnte sich schließlich veralbert vorkommen, wenn jemand an ihm Fragearten oder Aktives Zuhören ausprobiert]. Tatsächlich ist aber niemandem etwas aufgefallen – nicht einmal bei Aufgaben, bei denen gerade das vermutet wurde. Eine Teilnehmerin sollte etwa mindestens fünf Minuten lang die Körperhaltung einer anderen Person spiegeln. Sie hat nicht nur das getan, sondern im Laufe des Tages wohl alle einmal gespiegelt, und niemand hat es bemerkt. Ein Teilnehmer hat allerdings angemerkt, er habe das verbale Spiegeln in der Mittagspause eine Minute lang bei einem Kollegen ausprobiert, und der hielt ihn für begriffsstutzig. Kann auch passieren. Kritik kam außerdem noch an den Aufträgen auf – es hätten mehr Spaßmissionen dabei sein dürfen 🙂

In Summe: Es gibt die Möglichkeit, in realen Gesprächen beispielsweise Fragetechniken auszuprobieren und in der Feedbackrunde am Ende auch noch zu erfragen, was das Gegenüber in der Situation gedacht hat. Und wie wir gleich feststellen werden, gibt es auch Einsatzmöglichkeiten jenseits der Gesprächsführung.

Die Fragen

Je nach Ziel sind zig Aufträge denkbar. Ohne sie „streng“ klassifizieren zu wollen, präsentiere ich ein paar Ideen und Beispiele. Ist (wie immer) nicht alles klar zu trennen. An dieser Stelle greife ich übrigens einige Fragen auf, die Christian Spannagel gerade gestern ausprobiert hat.

Selbst etwas tun

  • Spiegele jeweils eine Minute lang drei Personen durch Paraphrasieren und nonverbale Bestätigung, ohne dass sie er merken.
  • Experimentiere in Gesprächen mit öffnenden und schließenden Fragen und beobachte, was sich daraus ergibt.
  • Imitiere die Körperhaltung eines anderen Teilnehmers/einer anderen Teilnehmerin fünf Minuten lang, ohne dass es auffällt.
  • Erkläre einer Person unauffällig Thema X, ohne dass sie Verdacht schöpft. [zur Wiederholung nach dem Prinzip Lernen durch Lehren]

Andere zu etwas bewegen

  • Überzeuge eine andere Person davon, dich in einer deiner zukünftigen Veranstaltungen zu besuchen, um dir Feedback zu deiner Gesprächsführung zu geben.
  • Erkläre einer anderen Person, dass du den Workshop total langweilig findest – und versuche, sie auf deine Seite zu ziehen.
  • Bringe eine Person dazu, dir Thema X noch einmal aus ihrer Perspektive zu erklären. [passt gleichzeitig zum Wiederholen von Themen].

Etwas aus anderen herausholen

  • Verwickle eine Person deiner Wahl unauffällig in ein Gespräch über Thema X und hole ihre Meinung dazu ein.
  • Verwickle jemanden in ein Gespräch über seine/ihre Lehre im vergangenen Semester und finde heraus, welche Methode er/sie am liebsten einsetzt.
  • Bringe jemanden dazu, die von ihrem/seinem schönsten Erlebnis in der Lehre zu berichten. Versuche, mit geeigneten Fragen möglichst viel darüber herauszufinden.

Kommunikationsanreger und Vernetzer

  • Bringe in einer Plenumsrunde den folgenden kritischen Einwand ein: „XYZ„.
  • Tausche mit einem dir unbekannten Workshop-Teilnehmer Telefonnummern aus.
  • Verbinde dich mit mindestens drei Personen auf Twitter, Facebook, Google+, Xing, usw.
  • X hat vorhin/gestern über Thema Y berichtet. Lass dir dazu Z noch einmal erklären.

Spaßaufgaben

  • Wirf in einer Plenumsrunde Begriff X ein, ohne dass es auffällt.
  • Jemand zweites aus deinem Team hat dieselbe Karte wie du. Findet euch durch Augenzwinkern.
  • Versuche, den Text “XYZ” auf dem Präsentationsrechner erscheinen zu lassen.
  • Biete so lange anderen Workshop-Teilnehmern ein Kaugummi an, bis einer “ja” sagt, um dann festzustellen, dass du keins in der Tasche hast.

Variationsmöglichkeiten

Je nach Gestaltung der Workshops gibt es (natürlich) zahlreiche Variationsmöglichkeiten. Christian Spannagel hat beispielsweise Punkte vergeben und hätte SiegerInnen gekürt – wenn es nicht ein unentschieden gegeben hätte 🙂 Außerdem ist es denkbar, wie bei ihm zwei (oder mehr?) Teams zu bilden. Toll fand ich auch die Idee, die Missionen unter die Stühle zu kleben. Bei uns gab’s halt „versiegelte Briefe“. Wie Christians Beispiel zeigt, ist die Schillerstraße auch an Ein-Tages-Workshops durchführbar, wenngleich dann natürlich nicht auf Themen zurückgegriffen werden kann, die vorher behandelt wurden. Was ich mir auch vorstellen kann, ist es Personen (auch) gezielt bestimmte Aufträge zu erteilen, wenn man die Leute kennt. So können sie vielleicht an ihren Schwachstellen arbeiten. Und, und, und…

Am Ende der Straße

Ich mag die Methode und werde sie künftig auch mal in anderen Workshops einsetzen und damit experimentieren. Was haltet ihr von der Schillerstraße? Welche Missionen oder Auftragsarten fallen euch noch ein? Wollt ihr die Methode nicht selbst einmal ausprobieren???

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  1. […] hatte ich zuerst davon bei Oliver Tacke, der sich das Spielprinzip ausgedacht hat und war begeistert. Dann durfte ich es in einem Seminar […]

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