„Wie sozial ist digital“ in Braunschweig: emotionale Lockerheit trifft messerscharfe Ratio

Am Dienstag war ich zu Gast bei einem wissenschaftlichen Nachtcafé in Braunschweig. Das Thema der Veranstaltung lautete „Wie sozial ist digital?“ und wurde interaktiv aufgearbeitet.

Der Ablauf

Nachtcafé-SketchnoteMethodisch startete das Nachtcafé nach einer kurzen Begrüßung mit Murmelgruppen, in denen sich die Anwesenden an den Tischen mit ihren NachbarInnen bekannt machen konnten. Anschließend ging es weiter mit zwei kurzen Vorträgen, um das Denken anzuregen. Danach konnte eine Weile an den Tischen diskutiert werden, bevor der Abend in eine große Diskussion zwischen Gerald Fricke, Philipp Bode und dem Publikum mündete.

Die Positionen (in Kürze)

Gerald Fricke

Für Gerald Fricke war schon die Titelfrage der Veranstaltung falsch gestellt, weil sie eine Trennung von „digitaler“ und „analoger“ Welt suggeriere, die so gar nicht existiere. Anhand eines plakativen Beispiels führte er zudem vor Augen, wie übertrieben die Furcht vor der „neuen Welt“ manchmal sei: Niemand sorge sich darum, dass in der Mensa Studentinnen und Studenten Zugang zu Waffen in Form von Messern hätten und jederzeit auf unbeliebte Lehrende losgehen könnten. Gute Güte! Für ihn sei das Web ein „Assoziationsraum für Individuen, die durch ihr kommunikatives Handeln miteinander verbunden sind.“ Ob das „sozial“ verlaufe oder nicht, sei nicht abhängig vom Medium, sondern von den Einstellungen der Beteiligten und der Machtverteilung in der Gesellschaft. Das Web sei daher das, was wir daraus machten. Wenn die Gesellschaft das Schnüffeln in privaten Facebookfotos nicht ächtete, müsse sich auch niemand über ein solches Verhalten wundern. Fricke plädierte eher dafür, mehr Offenheit zu wagen und für diesen Schritt Sozialkapital zu ernten. nachtcafe_fricke-140513

Philipp Bode

Philipp Bode bekräftige zunächst die Aussage von Fricke, die Trennung von „echter Welt“ und „digitaler Welt“ sei eine gängige Mär. Mit Blick auf das soziale Miteinander sah er allerdings den Begriff der Freundschaft kritisch und machte die Unterschiede an drei Punkten fest:

  1. Fehlende Leiblichkeit: Atmosphärisches Wissen gehe im Digitalen verloren. Niemand könne sein(e) Gegenüber riechen oder fühlen.
  2. Beschleunigung: Viele Dinge würden im Netz extrem beschleunigt werden. Schuld daran seien auch Smileys!
  3. Fragmentierung: Chats lebten von der Vereinzelung der Gesprächsinhalte, tiefe Gedanken kämen hier nicht zustande.

Publikum

Vom Publikum wurden verschiedene Aspekte angesprochen, die aber stellenweise vom „sozialen“ Aspekt abdrifteten. Das Netz böte einen Riesenfundus an Informationen und einfachen Zugang zu vielen Kontakten – damit umgehen könnten aber längst nicht alle. Die Filter funktionierten nicht, Facebook und Co. seien ZeitvernichterInnen, die NSA mische mit, die Sprachfähigkeit der Menschen gehe zurück, Cybermobbing und Gruppenzwang seien auch nicht zu vergessen. Es fehle an klare Regeln!

Meine Eindrücke

Auf der Bühne standen sich emotionale Lockerheit und messerscharfe Ratio gegenüber. Während Gerald Fricke mit satirischer Unterhaltsamkeit seine Argumente ans Publikum brachte, hielt Philipp Bode mit einer vernunftgeleiteten Analyse von Inhalt, Struktur und Logik der Aussagen dagegen. Unterschiedlich auch ihre Herangehensweise: Während Fricke aus dem Stegreif sprach und mit Bildern visualisierte, las Bode einen ausgearbeiteten Text vor, sehr gekonnt mit freien Schlenkern und Anmerkungen. Dabei stelle ich eben gerade beim Verfassen dieses Beitrags an mir selbst fest, dass vom emotional Visualisierten bei mir mehr hängen geblieben ist; das aber nur am Rande. InsgOffene_Fragen_zu_Wie_sozial_ist_digitalesamt fand ich es klasse, dass es viele Diskussionsbeiträge es aus dem Publikum gab. Es handelte sich beim Nachtcafé (leider noch ohne Kaffee und leider nur mit Stichwort-Aufruf-Moderation) nicht um eine der üblichen ermüdenden Podiumsdiskussionen oder Talkshows, bei denen man nur passiv dabei ist und sich mehr oder minder berieseln lässt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das tatsächlich die Erwartungshaltung der Anwesenden war. Von den offenen Fragen, die überhaupt gesammelt wurden, erhielt die nach „Regeln in der digitalen Gesellschaft“ die meisten Klebepunkte. Verbirgt sich dahinter doch der Wunsch, das alles vorgegeben zu bekommen? Dass eine politische oder wie auch immer geartete Elite sich darüber Gedanken machen soll und dann etwas festlegt? Da bin ich dann doch auf der Seite von Gerald Fricke, dass wir das selbst in der Hand haben. Von daher finde ich es schön, dass die Veranstaltung einen kleinen Impuls zu mehr Beteiligung gegeben hat. Mehr Doku zum Nachtcafé aus Braunschweig gibt es demnächst auf der zugehörigen Seite der Initiative „Wissenschaft im Dialog“.

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